Kraftort im Meraner Land – St. Prokulus in Naturns

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Kraftort St. Prokulus in Naturns

„Ein Heiliger auf der Schaukel“, Heinrich Koch zeigt auf die bemalte Wand. „Das gibt es sonst nirgends.“ Tatsächlich ist das aus dem Frühmittelalter stammende Bild an der Südwand von St. Prokulus in Naturns ein für eine katholische Kirche ungewöhnliches Fresko: Da sitzt ein Mann im langen Gewand auf einer Schaukel, die, so meint man, aus einem Fenster hängt. Die Haare unterm Heiligenschein wehen im Wind. Rechts vom Schaukelnden hat der Künstler aus dem Mittelalter eine Gruppe Menschen gemalt. Diese scheinen den Heiligen – man geht davon aus, dass es sich dabei um Bischof Prokulus auf der Flucht über die Stadtmauer von Verona handelt – missbilligend zu betrachten. Bei Heinrich Koch dagegen ist von Missbilligung keine Spur. Den 70-Jährigen machen die unorthodoxen Malereien fast ein wenig stolz: „Wir haben auch eine ganze Wand voll Kühe. Eine Seltenheit.“

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet der pensionierte Lehrer in der vermutlich im 8. Jahrhundert erbauten Vinschgauer Kirche als Führer. Auf freiwilliger Basis, aber mit spürbarer Begeisterung für das zwischen Apfelbäumen gelegene Gotteshaus, dessen Kirchenschiff kaum größer ist als eine Waschküche. Wenig Raum für eine Führung, aber langweilig wird es mit Heinrich Koch trotzdem nicht: Die bunten Kühe und der Schaukler sind nämlich nicht die einzigen Besonderheiten in St. Prokulus. Zu fast jeder Darstellung hat er etwas Spannendes zu erzählen. „Byzantinische Mäanderkästchen und ein keltisches Band“, er deutet auf die gut erhaltenen Verzierungen. „Beide zur Abwehr böser Geister. Und das in einer christlichen Kirche.“ Heinrich Koch ist ein Mensch mit festem Glauben, aber ohne Paradigmen. Für ihn bedeutet die Kirche St. Prokulus mit ihren scheinbaren Widersprüchen Versöhnung, eine Einigkeit der Religionen. „In der Spätantike war das hier erst ein Wohnhaus, dann wurde es ein römischer Tempel und erst zum Schluss eine katholische Kirche.“

Germanen, Bajuwaren, Römer sind an dem kleinen Gotteshaus vorbeigezogen. Und auch wenn es zu manchen Zeiten nur ein profanes Haus war – für die Menschen war das Gebäude dennoch immer etwas Besonderes, und all die Bewohner, Bittsteller und Betenden haben hier ihre Spuren hinterlassen. Sichtbare, wie die Wandbilder, über die es mittlerweile einen ganzen Bücherschrank voller Doktorarbeiten gibt und deretwegen die Mehrheit der jährlich mehr als 15.000 Besucher in die Kirche kommt. Vielleicht aber auch unsichtbare: „Hier soll man es spüren können.“ Heinrich Koch steht am Altar. Er hält seine Hände ausgestreckt darüber wie ein Pianist, der gleich sein Konzert beginnen wird. „Angeblich merkt man hier ein Kribbeln.“ Am Altar soll sie am stärksten sein, die Strahlung, die schon viele Esoteriker in Begeisterung versetzte: Angeblich ist St. Prokulus ein Kraftort. „Ein Besucher meinte, wenn ich mein Bett an den Altar stellte, würde ich 150 Jahre alt.“ Heinrich Koch lacht. Er selbst habe nie etwas von der Strahlung gespürt, sagt er. Trotzdem zieht es ihn immer wieder in die Kirche, auch im Winter, wenn sie eigentlich geschlossen hat. Die Stille tue ihm gut, sagt er. Und wahrscheinlich ist das auch alles, was man über Kraftorte wissen muss: Sie können überall sein, Energiefelder hin oder her. Wichtig ist nur, dass man sie spürt.

Heinrich Koch Naturns

Die Prokuluskirche – eine Herzensangelegenheit für Heinrich Koch (c) Südtirol Marketing/Max Lautenschläger)

Heinrich Koch über …

… Fresken:
„Mit der Verbreitung der Schrift haben wir Menschen auch ein Stück weit verlernt, die Bilder zu lesen. Deswegen wird man diese Fresken wohl nie vollkommen deuten können.“

… die Darstellung des heiligen Prokulus:
„Es gibt viele Theorien, warum sich der Heilige nicht am Seil festhält, auf dem er sitzt. Das Seil verläuft hinter den Händen. Manche sagen, der Künstler sei des realistischen Zeichnens einfach nicht mächtig gewesen. Mir gefällt der Gedanke besser, dass er die Hände bewusst so gemalt hat, weil das Seil etwas Diesseitiges ist, der Heilige aber etwas Jenseitiges. Und das Jenseitige hält nicht am Diesseitigen fest.“

… das Osten:
„Der Altar von St. Prokulus steht nicht gerade, weil man ihn nach Osten ausgerichtet hat. Das Osten ist eine alte christliche Tradition: Kirchen wurden so gebaut, dass die Gläubigen beim Gebet zum Orient sahen – daher auch der Begriff ,sich orientieren‘. Weil das Kirchengebäude von St. Prokulus aber nicht immer eine christliche Kirche war, stimmte die Ausrichtung für den Gottesdienst nicht. Deswegen hat man den Altar einfach um 10 Grad gedreht.“

St. Prokulus in Naturns

Das Prokuluskirchlein in Naturns (c) Südtirol Marketing/Max Lautenschläger)

Informationen St. Prokulus in Naturns

Allgemein werden die Fresken in St. Prokulus dem 8. Jahrhundert zugeschrieben, die Langhausfresken sind vielleicht sogar schon um das Jahr 1000 entstanden. Die Fresken im unteren Kirchenbereich stammen aus dem vorkarolingischen Zeitalter und zählen zu den bedeutendsten Kunstschätzen in Mitteleuropa.
An der Westwand von St. Prokulus befindet sich ein für die frühmittelalterliche Kunst einzigartiges Fresko. Abgebildet ist eine bunte Rinderherde, die von zwei Hirten und einem hechelnden Hund begleitet wird. Dieses Fresko wurde oft als Votivbild zu Ehren des Viehpatrons Prokulus gedeutet.
Direkt neben der St. Prokuluskirche liegt das Prokulus-Museum, dessen Parcours komplett unterirdisch angelegt ist. Die Geschichte der Kirche während der Spätantike, des Frühmittelalters, der Gotik und der Pestzeit wird in verschiedenen Raum-Zeit-Stationen veranschaulicht. Videoprojektionen machen die 1.500 Jahre lange Geschichte der in dieser Region wohnenden Menschen lebendig.
Kontakt

Prokulus Kirche und Museum | Kontakt: Heinrich Koch
St. Prokulusstraße | I-39025 Naturns
Tel.: +39 0473 667 312

Video St. Prokulus in Naturns

Bilder St. Prokulus in Naturns

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Am Ortseingang von Naturns im Meraner Land liegt ganz versteckt in den Apfelwiesen das kleine Sankt-Prokulus-Kirchlein. Von außen unscheinbar, ist St. Prokulus in Wirklichkeit ein historisches Juwel, denn im Inneren der Kirche finden sich die ältesten Wandmalereien im gesamten deutschsprachigen Siedlungsraum. Von der karolingischen Kunst noch unbeeinflusst, treffen hier zwischen dem 7.und 8. Jh. n.Chr. volkstümlich christliche Vorstellungen der römischen Antike mit einem nordisch inspirierten Naturalismus zusammen. Die einzigartigen Wandmalereien lassen aber auch keltische Einflüsse erkennen.

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